| Bibel-Code |
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Was die Bibel uns im Detail sagen will, darüber herrscht bis heute nicht in
allen Punkten Einigkeit. Außerdem vermutete man schon immer hinter dem
geschriebenen Wort auch noch verborgene Mitteilungen. Seit Jahrhunderten fahnden
Gelehrte und Mystiker mit diversen Methoden nach geheimen Botschaften in den
überlieferten Schriften. Das lag schon deshalb nahe, weil die ersten Texte der Bibel in Hebräisch oder Griechisch geschrieben waren: Sprachen, in denen Buchstaben damals auch als Zahlensymbole verwendet wurden. Hatten Wörter bestimmte Zahlenwerte, so transportierten sie offensichtlich ein Geheimnis. Und wenn zwei Wörter die gleiche Quersumme hatten, dann musste zwischen ihnen eine bedeutungsvolle Verbindung bestehen. Diese Zahlenkunde (Gematria) entwickelte sich zur hohen Kunst und wurde sowohl von Juden und Griechen, als auch Christen bereits im ersten und zweiten Jahrhundert ernsthaft betrieben, um die Texte der Bibel zu erforschen. Dass die wahre Botschaft der Bibel hinter Zahlen versteckt ist, glaubte selbst noch der berühmte Naturwissenschaftler Isaac Newton (1643 - 1727). Er verbrachte Jahrzehnte mit dem Studium der Zahlenmystik – und kam zu dem Ergebnis, das Jüngste Gericht würde im Jahr 2060 über uns kommen. Doch die Bibel enthält nicht nur geheimnisvolle Zahlen, sondern auch verborgene Wörter mit Botschaften des Schöpfers. Davon jedenfalls sind die Anhänger der Kabbala-Lehre, einer mittelalterlichen mystischen Tradition im Judentum, überzeugt. Die Kabbalisten suchen nach den versteckten Botschaften in der Thora – dem heiligsten Buch des jüdischen Glaubens, das aus den fünf Büchern Mose des Alten Testaments besteht (siehe S. 10). Die kabbalistischen Texte gelten bis heute als undurchsichtig und mysteriös – zugänglich nur für jene, die lange die Thora und ihre Kommentare, den Talmud, studiert haben. Der zentrale Gedanke: Gott hat den Schriften einen auf den ersten Blick nicht erkennbaren Symbolcharakter unterlegt – um jenen, die die Symbole zu deuten wissen, erhabenere Wahrheiten zu enthüllen. Doch die kabbalistischen Methoden zur Dechiffrierung des tieferen Sinns sind kompliziert. Eine dieser Methoden besteht darin, in einem Text nur jene Buchstaben zu lesen, die in einem bestimmten Intervall auftauchen – z. B. jeden fünften Buchstaben. Weil die ausgewählten Lettern alle den gleichen Abstand voneinander haben, sprechen Experten hier von einer »äquidistanten Buchstabenfolge«. Geheime Botschaften Gottes?Diese Methode verwandte bereits im 13. Jahrhundert der kabbalistische Rabbi Bachya Ben Asher aus Saragossa (Spanien), als er im ersten Buch der Thora nach verborgenen Botschaften des Herrn suchte: Er begann mit dem ersten Buchstaben des 1. Buchs Mose (Genesis) und las in der Folge nur jeden 42. Buchstaben – so kam er auf das Kunstwort »Be-Ha-Ra-D«, dessen Buchstaben im Hebräischen ganz bestimmte Ziffern bedeuten. Zusammen bezeichnen sie den 6. Oktober 3761 v. Chr., 23.11 Uhr – für gläubige Juden der »Schöpfungsmoment« der Welt. Das Verblüffende dabei: Dieser »Nullpunkt« des jüdischen Kalenders wurde von Rabbinern im 11. Jahrhundert festgelegt – also lange nach den ersten Niederschriften der Thora, die bis ins 6. Jahrhundert v. Chr. zurückreichen. Warum dies erst so spät geschah, bleibt eines der Geheimnisse des Judentums. Mit der gleichen Methode wie Rabbi Bachya Ben Asher vor 800 Jahren suchte in unseren Tagen der Journalist Michael Drosnin nach geheimen Botschaften in der Thora. Der amerikanische Jude, der nach eigener Aussage nicht an Gott glaubt, hatte dabei einen fleißigen Helfer: den Computer. Er setzte das Prinzip der »äquidistanten Buchstabenfolge« in eine Software um, durchkämmte damit die heiligen Texte und veröffentlichte seine Ergebnisse in zwei Mega-Bestsellern: »Der Bibel Code« (1998) – und »Bibel Code II. Der Countdown« (2002), in denen er uns mit der ungemütlichen Prophezeiung konfrontiert, dass der Weltuntergang 2006 stattfindet. Düstere ProphezeiungenAuf die Idee, nach geheimen Botschaften des Herrn zu fahnden, kam Drosnin durch einen Artikel in der Fachzeitschrift »Statistical Science«. Dort beschrieb der israelisch-russische Mathematiker Eliyahu Rips von der Hebräischen Universität Jerusalem, der gläubiger Jude ist, wie er gemeinsam mit dem Physiker Doron Witztum und dem Computerfachmann Joav Rosenberg mit den Buchstaben der Thora herumjongliert hatte. Sie speisten den hebräischen Text der Thora in den Computer ein, nahmen die Wortzwischenräume und Satzzeichen heraus und durchforsteten die verbleibenden 304.805 Zeichen mit der Methode der »äquidistanten Buchstabenfolge« nach verborgenen Namen berühmter Rabbis – samt Geburts- und Sterbedaten. Sie wurden tatsächlich fündig – und konnten nicht mehr an Zufall glauben. Neugierig geworden, beginnt Drosnin in den 1990er Jahren, mit Rips' Computerprogramm in der Thora nach Hinweisen auf geschichtliche Ereignisse zu suchen. Zu seiner Verblüffung lassen sich so das Kennedy-Attentat 1963 und die erste Mondlandung 1969 aus der Bibel »herauslesen«. Und plötzlich ist er wie elektrisiert: Der Rechner spuckt in Intervallen von 4.772 Buchstaben den Namen »Yitzhak Rabin« aus – der israelische Ministerpräsident. Jetzt ordnet Drosnin den Thora-Text in Zeilen von je 4.772 Buchstaben an: Rabins Name ist dadurch vertikal zu lesen – und kreuzt sich mit einem horizontalen Text aus dem 5. Buch Mose (Kap. 4, Vers 42), den Drosnin mit »Mörder, der morden wird« übersetzt. Drosnin schließt aus seiner Entdeckung: Yitzhak Rabin wird ermordet werden. Der Journalist warnt den Politiker – vergebens. Zwölf Monate später, am 4. November 1995, wird der Ministerpräsident erschossen. Drosnin sucht weiter in der Thora und stößt auf immer neue Botschaften. Im »Bibel Code II« präsentiert er unter anderem Hinweise auf den Terrorschlag gegen das World Trade Center 2001. Auch die Namen »Bush«, »Arafat« und »Scharon« seien zu finden. »Sie sind gemeinsam namentlich in der Bibel codiert, und dies mit der von den drei großen Weltreligionen vorausgesagten Zeit der Gefahr – dem 'Ende der Tage'«, schreibt Drosnin. »Der Bibel-Code verweist in klaren Worten auf die Gefahr – 'atomarer Holocaust' und 'Weltkrieg' finden sich verschlüsselt in der Bibel, mit derselben Zeitangabe, dem Jahr 2006.« Zeugnisse einer HochkulturLiegt hier – Bibel-Code hin oder her – das »wahre« Geheimnis der Bibel? Ist sie vielleicht das ferne Echo einer untergegangenen Hochkultur – wesentlich älter als die bekannten Hochkulturen des dritten und vierten vorchristlichen Jahrtausends in Ägypten und Mesopotamien? Viele Historiker und Archäologen lehnen diesen Gedanken ab. Doch immer mehr Funde legen nahe, diese Ablehnung endlich zu korrigieren. So wurden z. B. in Nevali Cori in Südostanatolien (Türkei) erstmals Tempel mit Menschenbildnissen und massive Steinhäuser aus der Zeit um 7000 v. Chr. ausgegraben. Zeugen einer bislang verborgen gebliebenen Hochkultur? Wenn aber die Bibel auf eine noch viel ältere Überlieferung zurückgeht, dann wären die hebräischen Texte Übersetzungen aus einer bisher unbekannten Sprache. »Das würde erklären, wieso die Etymologie manch wichtiger Wörter und deren ursprüngliche Bedeutung nicht mehr erkennbar sind«, sagt Hengge. Doch nicht nur der sprachwissenschaftliche Ansatz des Autors führt auf die Spur zu den tatsächlichen Geheimnissen der Heiligen Schrift. Auch Chemiker und Evolutionsbiologen stoßen auf überraschende Hinweise – die das Buch der Bücher auf ungewohnte Weise modern und naturwissenschaftlich fundiert erscheinen lassen. So steht im Ersten Buch Mose (Kap. 2, Vers 7), dass der erste Mensch aus »Erde vom Ackerboden« geformt wurde – also aus Lehm. Was man bislang eher für ein Märchen hielt, erscheint jetzt als wissenschaftlich nachvollziehbar: Lehm ist der ideale Kandidat, um den entscheidenden Urfunken des Lebens zu zünden! Das hat der schottische Biochemiker A. Graham Cairns-Smith von der Universität Glasgow herausgefunden. Er kommt zu dem Ergebnis, das Leben habe nicht erst – wie bisher angenommen – mit der in den komplizierten organischen Nukleinsäuren RNA und DNA verschlüsselten Information begonnen. Stattdessen habe es eine Vorstufe der Entwicklung gegeben: Die »ursprünglichen« genetischen Datenspeicher seien einfache anorganische Kristalle gewesen, wie man sie im Lehm findet. Lehmkörnchen laden sich mit Metallionen auf, die dabei bestimmte Muster bilden, in denen im Prinzip so etwas wie »Erbinformationen« verschlüsselt sein könnten. Jedenfalls wies Cairns-Smith nach, dass diese Informationen auch dann erhalten bleiben, wenn der Kristall Schicht für Schicht wächst – sich quasi »vermehrt«. Um ihre »Fortpflanzung« zu beschleunigen, haben die Lehmkristalle – so der Forscher – irgendwann auf Aminosäuren basierende »Replikatoren« entwickelt: Vorläufer der komplexen DNA-Nukleinsäuren. Damit war die Schwelle von der anorganischen zur organischen Materie überschritten – und die Evolution des Lebens konnte beginnen. Glauben und WissenCairns-Smiths Ergebnisse bedeuten nicht mehr und nicht weniger: Die Bibel erzählt uns mit der Schöpfungsgeschichte kein Märchen. Lehm als Basis des Lebens – so könnte es gewesen sein! Dennoch entzweit die Frage nach dem Ursprung unserer Existenz die Bundesbürger wie kaum eine andere: 48 Prozent glauben an die Version der Bibel, die anderen lehnen diese Erklärung ab. Vielleicht können die neuen Forschungen aber dazu beitragen, dass sich die Grenzen zwischen Glauben, Unglauben und Wissen langsam auflösen. Zumindest liefern sie genügend Gründe für ein neues Interesse am Buch der Bücher. Bisher sieht es damit noch ziemlich düster aus: Zwei Drittel der evangelischen und katholischen Kirchenmitglieder in Deutschland können keinen einzigen Bibelvers aufsagen, hat vor kurzem das Meinungsforschungsinstitut Enigma festgestellt. Und gerade mal elf Prozent der 14- bis 29-Jährigen »lesen öfters mal« in der Bibel, fand das evangelische Magazin »chrismon« in einer repräsentativen Umfrage heraus. Doch das kann sich ändern, wenn sich erst mal herumgesprochen hat, dass die Bibel dann die größten Überraschungen bietet, wenn man sie unbefangen liest – ohne scheinwissenschaftliche Scheuklappen von Bibel-code-Forschern und ohne kirchliche Bevormundung. Was ist die Thora?Das hebräische Wort Thora bedeutet »Unterweisung«, »Lehre«, »Führung« und »Gesetz«. Es bezeichnet in der jüdischen Tradition die fünf Bücher Mose, die als »Gesetz Gottes« den Kern des jüdischen Glaubens ausmachen. Sie sind entstehungsgeschichtlich der älteste und wichtigste Teil des so genannten Tanach, der Heiligen Schrift der Juden. Ergänzt werden sie von den 22 Büchern der Propheten (Jesaja u. a.) und den 13 Büchern der Schriften (Psalmen u. a.). Die fünf Bücher der Thora sind identisch mit dem ersten Teil des Alten Testaments der christlichen Bibeln. In der katholischen Kirche werden die Thora-Bücher mit lateinischen bzw. griechischen Begriffen für den Inhalt bezeichnet (lat.: »Genesis«, »Exodus«, »Leviticus«, »Numeri« und »Deuteronomium«). Die Protestanten benennen diese Bücher nach dem (angeblichen) Verfasser Moses: die fünf Bücher Mose. |

















